Rennsteig Höhenweg
Bild: Heiko Jahn

Herbst-Bikepacking am Rennsteig 2020

Herbst-Bikepacking am Rennsteig – der Plan hat Michi neugierig gemacht. Nein – so hätte ich den Artikel gerne angefangen…
Nochmal:
Herbst-Bikepacking am Rennsteig – damit habe ich Michi in den Ohren gelegen. “Fahr mit, das ist großartig, um den Gefrierpunkt im Wald zu schlafen”. Mist. In “Gefrierpunkt” steckt “frier”. So bin ich also über die Merino-Nummer in Michis Ohr gekrabbelt: wird superwarm das Zeug, da kannst Du selbst im Herbst noch draußen schlafen … und eigentlich will ich nicht alleine fahren….

Rennsteig 2020 – fangen wir von vorne an: Planung

Ich habe meine Chance gewittert: eine neue Bikepacking Freun.din am Start, wenn ich dieses Wochenende nicht versaue. Die Rahmenbedingungen sind hart:

  • Michi hat noch nie eine Radtour in der kalten Jahreszeit gemacht
  • Michi hat noch nie um den Gefrierpunkt (Mist, da ist wieder das Wort). Nochmal:
  • Michi hat noch nie im Herbst außen geschlafen
  • ach ja: um Michi hat kein Rad dafür.

Ich musste mir also erstmal einen Plan machen, all diese Punkte abzuarbeiten. Teils mit Argumenten (irgendwann gibt sie auf und vertraut mir), teils mit technischen Lösungen. Da technische Lösungen leichter sind, habe ich erstmal ein Kinderfahrrad aus dem Familienbesitz an Michis Körpergröße angepasst. Michi ist 158 cm groß. Gut. Das Argument “Ich habe kein Fahrrad” war damit beseitigt. Dann ging es weiter mit den Überredungskünsten:

  • in Regelmäßigen Abständen Youtube-Links vom Rennsteig schicken. Check.
  • Glaubhaft die richtige Dosis Vorfreude versprühen, ohne Zugzwang zu generieren. Check.
  • Packlisten-Abstimmung. Check.
  • Rahmenbedingungen klären: Erlebnis vor Ergebnis. Check.
  • Befürchtungen ausräumen, weil ich verantwortungsbewusst bin und mir klar ist, dass das nicht jeder einfach mal so mitmacht. Und das war der wichtigste Punkt.

Der Tag rückte näher und ich glaube, wir haben uns beide in Wahrheit schon richtig darauf gefreut und waren beide sehr aufgeregt…

Gegen Christians Überredungskünste hatte ich ja noch nie Viel entgegen zu setzen. Dass wir so am Ende mal bei Temperaturen knapp über 0° am Rennsteig landen – ich voller Matsch und er überladen mit Gepäck – hätte ich nicht ahnen können. Doch Eines muss man ihm lassen: Schlecht war bislang keine Idee, zu der ich überredet wurde.

„dunkler, kalter Wald, heißes Essen, kuschelig warm eingewickelt, in einer Schutzhütte aus Holz – sich fragend, was man hier eigentlich treibt“ – solche Nachrichten erreichen mich in der Gewinnungsphase täglich – gepaart mit einer unbeschreiblichen Vorfreude auf ein Bikepacking Wochenende im Wald und Lösungen für jedes erdenkliche Problem. Als Kälte und ein nichtvorhandenes Mountainbike als Ausreden ausgedient hatten, hat Christian es also mal wieder geschafft: JA, ich bin dabei! Vorfreude. Aufregung. Angst? Gedanklich genieße ich noch einmal jede Nacht in meinem warmen Bett, jedes Luxusgut, das mich täglich umgibt. Wissend, dass es bald für ein Wochenende damit vorbei ist. Raus aus der Komfortzone für 3 Tage, nicht wissend, was mich dort Draußen alles erwartet. Und dennoch war sie plötzlich da: – neben all der Aufregung – Vorfreude. Endlich ist Freitag, der 16.10.2020. Und ich fahre heute in den Wald und erlebe endlich, warum Christian so vom Bikepacking schwärmt und ich werde dabei sein. Und ja, ich glaube, das wird großartig!

Freitag, 16.10.2020

Abfahrt in Nürnberg. Mit dem Auto nach Eisenach. Natürlich zu spät losgekommen, komischerweise aber kein Stau. An einem Freitag Nachmittag.

Michi – Du musst mich unbedingt vor der Parkhauseinfahrt daran erinnern, dass ich Räder auf dem Dach habe. Vor dem McDonald’s Drive In hat uns dann der hungrige Autofahrer hinter uns mit seiner Hupe erinnert. Ging gerade nochmal gut…

In Eisenach angekommen haben wir dann gefühlt Gepäck für zehn Mann auf einem Rad versucht unterzubringen. Ich glaube, am Ende hatte ich ein Systemgewicht von 140 kg. Das ist aber so, wenn man die erste Bikepacking-Tour macht und halt noch kein eigenes Equipment hat. Da sind Schlafsack, Klamotten & Co. eben noch nicht gewichts- und volumenoptimiert. Aber: Michi hatte sich wirklich auf das Nötigste reduziert. Problem war eher die Tatsache, dass ich für drei Tage Essen für zwei Personen eingepackt habe. Bedeutet aber auch: es wird von Tag zu Tag leichter.

Die Abfahrt nähert sich. Christian steht schon vor der Tür, wir wollen los – es bricht Hektik in meiner WG aus. Jeder geht noch einmal gewissenhaft mein Gepäck durch, ob ich unter den wenigen Dingen, die ich einpacke, auch wirklich nichts vergessen habe. Nein, nichts vergessen. Gepäck: Check. In WG-Tradition noch 1-2 Kurze auf die Aufregung uns los geht’s. Nun sitzen wir endlich im Auto – Ziel: Eisenach. Ich kann es noch nicht ganz glauben, dass ich das mache und hier sitze, halte es für etwas verrückt und realisiere so langsam: Wir machen das wirklich. Heute geht’s aufs Rad in den Wald! Und je weiter wir fahren, desto weniger kann ich es erwarten, anzukommen. Ein letzter Stop im McDonalds und dann, endlich, waren wir auch da.

Nur noch die Räder packen und los. Ich korrigiere: Christian bepackt sein Rad. Auch damit wurde ich nämlich überredet: Als Neuling muss mein Rad kein Gepäck schleppen. Und so langsam wurde mir nun klar, was Bikepacking bedeutet. Bei dem Anblick von Christians Rad hab sogar ich ein weiteres Mal jedes Gepäckstück hinterfragt, das ich eingepackt hatte. Gut, auf 1-2 Dinge verzichten wir noch, Rest ist verstaut – lass uns los!

Endlich Abfahrt.

Ich wurde immer nervöser. Die Stadtgeräusche haben mich irgendwann nur noch genervt. Die erste Orientierung ist das Nervigste. Bis das Wahoo mich – zugegeben nach wenigen Sekunden – fragt “Zum Start navigieren?”. Ja. Bitte. Mach es möglichst schnell. Dann ging es auch schon los: die Straßen wurden immer dunkler, endlich das Ortsschild, Landstraße, Finsternis: der erste Schritt ist geschafft!

In meiner Planung ist mir jedoch ein Fehler unterlaufen: ich habe bei Komoot Typ “MTB” hinterlegt. Das ist mit 140 kg schwierig. Kommen wir später zu. Als wir den Einstieg zum Rennsteig gefunden haben, hat sich mein Gehirn abgeschaltet: Drachenschlucht. Wie geil ist das denn? Nur halt nicht, wenn man mit einem LKW statt mit einem MTB unterwegs ist. Aber: es war die erste Herausforderung, die Drachenschlucht über glitschig nasse Holztreppen nach oben in den Wald zu verlassen. Abwechselnd Fahrrad, dann Taschen tragend. Danke Michi.

Als wir den Rennsteig befahrbar erreicht haben, tanzten hunderte Nachtfalter um unsere Lichter. Herrlich. Es wurde immer dunkler, feuchter, duftender und stiller: wir waren zu Gast im wundervollen Thüringer Wald. Wir folgten dem weißen “R” so vor uns hin, ohne Ziel, ohne Zeitdruck, vertieft in schöne Gespräche. Gut, wer mich kennt: oftmals Monologe meinerseits.

Die erste Schutzhütte, bei der wir eine Teepause gemacht hatten, war bereits von Wanderern belegt. Das war ein schönes Gefühl, dann doch noch Gleichgesinnte zu dieser Jahreszeit zu haben. Also tranken wir unseren Tee flüsternd, um zeitnahe wieder aufzubrechen.

{Notiz an mich selbst: nicht so viel Details, das ließt sonst niemand mehr!}

Nach einer abwechslungsreichen Fahrt durch den nächtlichen Wald kamen wir irgendwann an dem Punkt an, an dem wir beide Hunger bekamen. Die Suche nach dem richtigen Nachtlager rückte näher…

Nun war er also gekommen: Der Moment, in dem mein erstes Bikepacking Erlebnis endlich beginnt. Ab aufs Rad und fast beiläufig wird die letzte große Frage der vergangenen Tage gelöst: Passt die kleine Michi eigentlich aufs Rad? Ja, passt. Natürlich. Wurde ja alles akribisch durchgeplant.

Es dauert nicht lang und wir finden uns auf einer dunklen Landstraße mitten im Wald wieder. Den Einstieg in den Rennsteig suchend finden wir die Drachenschlucht: Ein für Räder nahezu unbefahrbarer, aber wunderschöner Wanderweg. An einer steilen Waldtreppe kapitulieren wir dann, nehmen das Gepäck vom Rad und nähern uns mühevoll dem Rennsteig. Stufe für Stufe. Meter für Meter. Was für ein Einstieg! Dennoch trübt es unsere Laune nicht – freuen wir uns doch so sehr darüber, im Wald angekommen zu sein, die Stadt hinter uns gelassen zu haben und nun endlich oben am Rennsteig angekommen zu sein! Schnell wurde uns klar, dass wir unsere geplante Tagesstrecke nicht schaffen werden. „Erlebnis vor Ergebnis“ wird mir gebetsartig immer wieder eingetrichtert und je länger wir unterwegs waren, desto mehr konnte ich mich auf dieses „Erleben“ einlassen. Bald waren wir von dichtem Nebel und unzähligen Nachtfaltern umgeben, die sich in unseren Lichtern tummelten. Hallo, Wald! Ich find dich schön!

Nachtlager

Man sollte nicht immer gleich die erstbeste Möglichkeit nutzen. Das mal vorab als “Learning”. Denn: die erste Hütte die wir fanden, wäre ein zugiges Nachtlager auf sandigem Boden gewesen. Das mag im Sommer ausreichend sein, im Herbst ist das Schlafen auf einer ordentlichen Bank jedoch angenehmer. Nach kurzer Rücksprache fuhren wir also noch ein paar hundert Meter, bogen ums Eck und “BANG!”: eine der neuen (Baujahr 2013) Schutzhütten mit Fensterscheibe begrüßte uns am Wegesrand!

Wir sind schon eine ganze Weile unterwegs, als wir beschließen, die Augen nach einem Nachtlager offen zu halten. Dem dichten Nebel geschuldet befürchtet wir, dass wir nicht jede Schutzhütte sehen und uns halbwegs kompromissbereit geben sollten. Und es verstreichen tatsächlich einige Kilometer, bis wir dann auch fündig werden. Leider ist die gefundene Schutzhütte nicht sehr einladend: Klein, düster und irgendwie sieht das alles sehr feucht und kalt aus. Vor allem aber hat sie keine Bänke, die mich einladen, mein Bettchen darauf zu errichten. Nach einer kurzen Absprache beschließen wir also, das Risiko einzugehen und nach der nächsten Hütte Ausschau zu halten. Und das wird belohnt: Keine 5 Minuten später finden wir die perfekte Hütte für unsere erste Nacht im Wald. Mit breiten Bänken, einem großen Tisch, viel Platz und sogar Deko, Kerzen und einem Gästebuch. Ja, hier bleiben wir gern über Nacht!

Finnhütten gibt es viele am Rennsteig. Sie sind Rastplatz und Nachtlager für Wanderer und  Radfahrer
Schutzhütte bei Kilometer 24, knapp 700 m N.N.

Die Hütte war wundervoll ausgestattet: eine Laterne, Teelichter, Haken für Kleidung, ein Thermometer, ein Gästebuch und viele kleine Details bescherten uns einen gemütlichen Abend inmitten winterlicher Temperaturen.

An diesem Abend kochte ich uns ein heißes Süppchen mit Nudeln und Hühnerfleisch, dazu Bier und Tee. Schon die ersten wenigen Kilometer hinterließen so viel Eindrücke in meinem Kopf, dass ich mit tausend schönen Gedanken im Bivy warm eingepackt glücklich einschlief. Danke Michi für die schönen Gespräche.

Ich bekomme eine warme Mahlzeit, ein Bier, das mir viel zu kalt ist und einen wärmenden Tee. Dann steht sie an: Die erste Übernachtung. Christian verabschiedet sich mit einem „Gute Nacht“ und fällt beim Wort „Nacht“ gefühlt schon in den Schlaf. Ich muss gestehen: Ich tu mich da schwerer – bis 3 Uhr nachts versuche ich, eine bequeme Position auf der Bank zu finden – so eingerollt, dass mir warm bleibt. Ich bin dankbar über das Licht der Kerzen und finde schließlich auch in den Schlaf. Gute Nacht Rennsteig, bis morgen früh. Ich bin gespannt, wie du im Hellen aussiehst!

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